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Tischtennis:
(Deutscher Tischtennis-Bund e.V.)

Big in Japan

 
Ihren Nummer-1-Hit "Big in Japan" veröffentlichte die deutsche Synthie-Pop-Band "Alphaville" 1984. Der Titel scheint 30 Jahre später einer Mannschaft bei der WM in Tokio auf den Leib geschrieben: Deutschlands Herren. Im Halbfinale besiegten Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Franziska den Gastgeber in einem sehenswerten Krimi und stehen am Sonntag im Finale Seriensieger China gegenüber. "Irgendwann wird bei Weltmeisterschaften mal eine andere Hymne gespielt werden", hatte Jörg Roßkopf vor Tokio gesagt. Vielleicht ist es schon am Montag soweit.

Tokio. Timo Bolls treffende Analysen sind langfristig angelegt. Schon bei den Titelkämpfen in Moskau 2010 sagte der Rekord-Europameister nach einer dreieinhalbstündigen Nervenschlacht gegen Japan in der Vorrunde: "Eigentlich kann man unsere Spiele gegen Japan gleich bei 2:2 beginnen. Den Rest könnte man sich sparen." Vier Jahre später und in Japan gilt das immer noch. Im Halbfinale der Team-Weltmeisterschaften von Tokio besiegten er, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Franziska die Gastgebernation zwar mit 3:1, gefühlt war es aber ein Krimi über die volle Distanz. Bei der über drei Stunden langen Spieldauer in der ausverkauften Yoyogi Arena waren vier bis fünf Sätze und Verlängerungen sowie Ballwechsel der Extraklasse an der Tagesordnung.

Timo Boll eröffnete gegen den Weltranglisten-16., Koki Niwa, den Showdown, besiegte den Frickenhausener mit 3:1. Gleich der erste Satz verdeutlichte, wo es langgehen würde in diesem Match. Die beiden Linkshänder punkteten nahezu abwechselnd. In der Verlängerung hatte Boll vier Satzbälle, Niwa nutzte seinen dritten zum 18:16. In den Bundesliga-Begegnungen ihrer Klubs Düsseldorf und Frickenhausen hatten sich die beiden enge Matches geliefert, zuletzt im Play-off-Halbfinale. In Tokio knüpften sie nahtlos daran an. In den Durchgängen zwei und drei war Boll nicht zu stoppen, doch im vierten war Niwa wieder dran. "Er ist noch jung, aber schon ein richtiger Taktik-Fuchs", sagte Boll über Japans 19-jährige Nummer zwei. "Ich bin heilfroh, dass ich den vierten knappen Satz gewinnen konnte."

Hohes Tempo, große Härte

Dimitrij Ovtcharov lieferte sich im Anschluss mit Nippons Bestem, Jun Mizutani, einmal mehr einen sehenswerten Rallye-Marathon über ungezählte Kilometer hinter dem Centrecourt-Tisch. Der amtierende Einzel- und Team-Europameister, Ovtcharov, spielte mit hohem Tempo und großer Härte, Mizutani - der am Samstag zum ersten Mal Vater geworden war - schlug noch häufiger, noch fester zurück. Mizutanis Ausnahmeleistung wurde mit einem Fünf-Satz-Sieg belohnt.

Ovtcharov ärgerte sich über mehrere verpasste Chancen. Vor allem, nachdem er sich im letzten Durchgang von 5:8 den 8:8-Ausgleich erarbeitet hatte. Bei eigenem Aufschlag. Zweimal brachte Mizutani nur einen mäßigen Rückschlag zu Stande. Beim ersten Mal traf Ovtcharovs eigentlicher Winner-Schlag genau Mizutanis Schläger, der Japaner blockte erfolgreich in Ovtcharovs leere Rückhand-Seite, aus der ihm kein Notschlag mehr gelang. Den nächsten Versuch bei Rückschlag Mizutani zog der Deutsche diagonal über den Tisch hinweg. Matchball Japan: Nach Aufschlag Mizutani und Rückhand-Rückschlag Ovtcharov landet die zweite Rückhand des Weltranglisten-Vierten hinter dem Tisch, Mizutani sinkt jubelnd und unter tosendem Beifall von über 8.000 Zuschauern in der Halle auf die Knie. "Ich hatte meine Chancen im vierten und vor allem fünften Satz und bin natürlich enttäuscht, dass ich verloren habe, aber dies ist ein Team-Wettbewerb", kommentierte Dimitrij Ovtcharov. "Wichtig ist, dass die Mannschaft gewinnt. Außerdem hat es vor dieser Kulisse Spaß gemacht zu spielen."

Franziskas Schlüsselspiel

Das Schlüsselspiel machte Patrick Franziska gegen Kenta Matsudaira - ohne sich bewusst zu sein, dass er, wie Timo Boll es im Rückblick nannte "heute den entscheidenden Punkt" holen würde. Denn Deutschlands mit 21 Jahren Jüngster war mit der Einstellung in die Partie gegangen, "dass die beiden Granaten, die noch nach mir kommen, schon zwei Punkte holen würden, wenn ich verliere". Diese Überlegung half ebenso wie die hervorragende takische Einstellung durch das Trainer-Duo Jörg Roßkopf/Zhu Xiaoyong. Mit guten, kurz in Matsudairas Vorhand gelegten Aufschlägen verschaffte sich der bei der WM noch ungeschlagene Tokio-Doppelzimmer-Partner von Steffen Mengel Vorteile für die weitere Eröffnung seines druckvollen Spiels. Als sich der 20 Plätze über ihm in der Weltrangliste rangierende Japaner im dritten Satz endgültig auf die Taktik eingestellt hatte, variierte der zukünftige Düsseldorfer erneut, ließ Matsudaira beim Rückschlag verzweifeln und holte sich nach verlorenem zweiten und dritten Satz die Durchgänge vier und fünf souverän. "Ich bin froh, dass es gutgegangen ist. Sicher, dass ich gewinnen würde, war ich erst, als ich den Matchball zum 11:5 verwandelt hatte. Anders darf man auch gar nicht denken", erklärte Patrick Franziska.

Boll: "Patrick hat mir den roten Teppich ausgerollt"

Als Timo Boll zum zweiten Mal die Box betrat, war das Feld für ihn bereits auf zweifache Weise bestellt. "Patrick hat mir den roten Teppich ausgerollt", so Boll. "Ein paar andere Prozent gehen auf 'Dima', der Jun vorher viel Energie gekostet hat." Mizutani hatte seine Topform zuvor gegen Ovtcharov bewiesen. Gegen Boll nützte sie ihm nicht die Spur, wie das Ergebnis dokumentiert: 11:6, 11:5, 11:6. Timo Boll nutzte ebenso klug wie erfolgreich eine Mischung aus seinem Markenzeichen, der gefährlichsten Rotation der Welt, hervorragender Platzierung und wohl dosierter Variation zwischen weichen und härteren Bällen. "Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich schon vor ihm wusste, welchen Aufschlag er machen würde", erzählte Boll von seinem Lauf gegen den zuvor in zehn WM-Partien ungeschlagenen Mizutani. "In so einen Flow muss man reinkommen, um diese Leistung abrufen zu können."

Roßkopf attestiert Japanern "einen großen Kampf"

Jörg Roßkopf sah einen deutlichen Unterschied zum gleich lautenden WM-Halbfinale vor zwei Jahren. "Für uns war es 2012 in Dortmund ein Heimspiel. Die Japaner waren von der Atmosphäre beeindruckt", verglich der Bundestrainer. "Heute haben sie uns einen großen Kampf geliefert." Seinem Schützling Dimitrij Ovtcharov bescheinigte Roßkopf "das beste Spiel, das 'Dima' bisher bei diesem Turnier gemacht hat". Patrick Franziska habe "beim bisher wichtigsten Match seiner Karriere das großartigste Spiel gemacht". Und Timo Boll habe nach einer schweren Partie gegen Koki Niwa "Jun Mizutani komplett auseinander genommen". Das Team des Doppel-Weltmeisters von 1989 ist bereit für die nächste Aufgabe, für das vierte WM-Endspiel Deutschland gegen China der Geschichte nach 2004, 2010 und 2012. "Irgendwann wird bei Weltmeisterschaften mal eine andere Hymne gespielt werden", hatte Jörg Roßkopf vor Tokio gesagt. Vielleicht ist es schon am Montag soweit.

Herren-Mannschaft, Halbfinale Deutschland - Japan 3:1 Timo Boll - Koki Niwa 3:1 (-16,5,4,12) Dimitrij Ovtcharov - Jun Mizutani 2:3 (-8,16,6,-6,-8) Patrick Franziska - Kenta Matsudaira 3:2 (10,-7,-6,5,5) Boll - Mizutani 3:0 (6,5,6)

Deutschland, Team-Weltrangliste: 2 Dimitrij Ovtcharov (Weltrangliste: 4), Timo Boll (9), Patrick Franziska (37), Steffen Mengel (49)
Japan, Team-Weltrangliste: 3 Jun Mizutani (10, Alter: 25 Jahre), Koki Niwa (16, Alter: 19 Jahre), Kenta Matsudaira (17, Alter: 23 Jahre), Seiya Kishikawa (22), Masato Shiono (26), Coach: Yosuke Kurashima

Team-WM in Tokio: Die Entscheidung

Sonntag, 4. Mai Halbfinale Herren-Mannschaft China - Taiwan 3:0 Deutschland - Japan 3:1

Halbfinale Damen-Mannschaft China - Singapur 3:0 Japan - Hongkong 3:1
Montag, 5. Mai Finale Herren-Mannschaft, 9.30 Uhr China - Deutschland
Finale Damen-Mannschaft, 12.30 Uhr China - Japan
Siegerehrung und Schlussfeier


Original-Pressemitteilung
Artikel vom 06.05.2014, 11:55 Uhr

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